# Pentaradio vom 27. Januar 2026 # Titel: "Erst lesen und schreiben, dann Social-Media-Sucht" Mit Lino, Mole, Simon und Xyrill. Normalerweise finde ich beim Schneiden ein oder zwei gute Titel-Ideen. Diesmal sind es so viele, dass ich nur damit den Teaser fülle: - "Lino, Linus und Nilo" - "Lieber zero Facebook als Facebook Zero" - "Herkömmliche Server für herkömmliche Rechenzentren" - "Let's Encrypt killed the CAcert Star" - "VPN-Verbindung zur katholischen Kirche" - "Pentagramm der Unabhängigkeit" - "Bahncard 200" - "Vorratspromptspeicherung" - "Im Internet weiß niemand, dass du ein LLM bist" Auf Basis der Livesendung vom 27. Januar 2026. ## Check-In Die Tischhöhe beträgt 4,57 Xyrillhände. ## Feedback [Virkon schreibt](https://det.social/@virkon42/115682473115418875) zur Novemberfolge: > Ein Hinweis zum Thema Deutschlandticket offline. In [einem Artikel der @digitalcourage](https://digitalcourage.de/blog/2025/uebersicht-deutschlandticket-ohne-app-zwang) wird sehr gut beschrieben, wie mensch sich ein quasi analoges D-Ticket holen kann. Hab ich auch gemacht, war einfach und klappt nahtlos. [Ulrich schreibt](https://social.server17.net/@ulrich/115722250222122601) zur Dezemberfolge: > da hat es mir passend zur Folge etwas in die Timeline gespült: > Werde ich mir auf jeden Fall mal anschauen mcnesium schreibt per Mail: > Vielen Dank fürs Anreißen dieses großartigen Themas. Offline-Tetris ist auch eine meiner Spezialitäten. Mir kommt jedoch der Nachhaltigkeitsaspekt etwas kurz. Solche Plastekistensysteme sind womöglich für Unternehmen oder Hackspaces sinnvoll, für einen Privathaushalt halte ich den Ansatz aber für unnötige Materialschlacht. > Stattdessen möchte ich den Einsatz von Obst- und anderen Warentransportkisten aus Pappe empfehlen. Die fallen in jedem Discounter um die Ecke an, und da sagt auch niemand was, wenn man die einfach so mitnimmt, weil sie sonst sowieso im Müll landen. Sie sind in der Regel ebenfalls genormt, so dass sie auf Europaletten passen, und haben darum entweder die gleiche, die halbe, oder die doppelte Größe eines Bierkastens, so dass man sie auch gut stapeln oder in Regalsysteme integrieren kann. Hier zwei Beispiele: \ > > PS: wenn ihr Hilfe beim Betrieb eines geeigneten Matrix-Raums zum Pentaradio-Community bündeln und Feedback sammeln braucht, sagt gern bescheid :) ## News - Heute 27.1. Holocaustgedenktag - Vernissage "Von der Vergangenheit in die Gegenwart" jüdische Kultusgemeinde Dresden - Überbleibsel aus dem November: - [Sideloading auf Android wird weiter möglich sein](https://arstechnica.com/gadgets/2025/11/google-will-let-android-power-users-bypass-upcoming-sideloading-restrictions/) - Update aus dem Januar: [...aber nur mit "hoher Reibung"](https://www.androidauthority.com/google-sideloading-android-high-friction-process-3633468/) - [Pentaradio berichtete](https://c3d2.de/news/pentaradio24-20250826.html) - [US-Gericht verwirft Monopolklage gegen Facebook](https://arstechnica.com/tech-policy/2025/11/meta-wins-monopoly-trial-convinces-judge-that-social-networking-is-dead/) - "\[Richter James] Boasberg stimmte Meta zu, dass Social Media – wie es in Facebooks Frühzeit hieß – tot ist. \[...] Meta konkurriert nun mit einer breiteren Menge von rivalisierenden Apps, einschließlich zwei extrem populärer Plattformen: TikTok und YouTube. \[Wie Boasberg in der Urteilsbegründung schrieb:] 'Wenn die Beweislage zeigt, dass Konsumenten riesige Mengen an Zeit von Metas Apps auf diese Rivalen umverteilen, in einem Maße, das Meta zur Investition signifikanter Mengen Geld gezwungen hat, ist die Antwort klar: Meta ist kein Monopolist, der vom Wettbewerb isoliert ist'." - [historischer Kontext](https://pluralistic.net/2025/11/20/if-you-wanted-to-get-there/): Zuckerberg hatte Instagram (2012) und WhatsApp (2014) explizit unter dem Mantra "It's better to buy than to compete" erworben ("lieber kaufen als in Wettbewerb treten") - Überbleibsel aus dem Dezember: - ✨KI✨: [ChatGPT zeigt App-Empfehlungen im Format einer Werbung](https://techcrunch.com/2025/12/02/openai-slammed-for-app-suggestions-that-looked-like-ads/) - OpenAI spricht von einer Fehlfunktion - Update aus dem Januar: [...war wohl eine Freud'sche Fehlfunktion](https://openai.com/index/our-approach-to-advertising-and-expanding-access/) - [Cloudflare-Ausfall](https://blog.cloudflare.com/5-december-2025-outage/) - ja, noch einer; diesmal nur etwa eine halbe Stunde, aber schon wieder ein Parserfehler - [Pentaradio berichtete](https://c3d2.de/news/pentaradio24-20251125.html) - [10 Jahre Let's Encrypt](https://letsencrypt.org/2025/12/09/10-years) – Wir gratulieren. - Videotipp: [C64 Laptop](https://www.youtube.com/watch?v=H5QQ0ECfwyE) - ✨KI✨: ["Slop" ist das englischsprachige Wort des Jahres 2025](https://www.merriam-webster.com/wordplay/word-of-the-year) - Kongressnachlese: im Gespräch erwähnte Talks - [All my Deutschlandtickets gone](https://media.ccc.de/v/39c3-all-my-deutschlandtickets-gone-fraud-at-an-industrial-scale) - [Security Nightmares](https://media.ccc.de/v/39c3-security-nightmares) - [Digital Independence Day](https://media.ccc.de/v/39c3-die-kanguru-rebellion-digital-independence-day) - - neu aus dem Januar: - [Bose stellt Support für SoundTouch-Produktreihe ein...](https://www.bose.com/soundtouch-end-of-life) - [...stellt aber die API als Open Source zur Verfügung](https://assets.bosecreative.com/m/496577402d128874/original/SoundTouch-Web-API.pdf) - [Louis Rossmann dazu](https://www.youtube.com/watch?v=NojFSQIGfkI) - [25 Jahre Wikipedia](https://wikipedia25.org) – Wir gratulieren. - Hörtipp: ["Eine Stunde History" vom Deutschlandfunk zu Wikipedia](https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:b3350a855341aa16/) - Hörtipp: [Chaosradio: "Sei mutig! Wikipedia!" von 2004](https://chaosradio.de/chaosradio_91) - ✨KI✨: [DuckDuckGo hat aufgefordert: Vote Yes or No AI](https://voteyesornoai.com/) - finales Resultat bei 175.354 Stimmen: 10% Yes AI, 90% No AI ## Musik - im Gespräch erwähnt: _Knobguessing_, die experimentelle Jam-Session des C3D2 - Sendetermine siehe [Coloradio-Programm](https://programm.coloradio.org/) unter der Sendereihe "Knobguessing" - ["Language of Lies", PEG and The Rejected (2017)](https://freemusicarchive.org/music/PEG__The_Rejected/4th_Wave/PEG__the_Rejecteds_4th_Wave_-_Language_of_Lies/) - übersprungen: ["Alien Language", Podington Bear (2013)](https://freemusicarchive.org/music/Podington_Bear/Curious/AlienLanguage/) - ["Alien Language", Metre (2018)](https://freemusicarchive.org/music/Metre/Circuit_1731/Alien_Language_1736/) ## Debatte Als Geleitwort eine Leseempfehlung: ["10 things I learned from burning myself out with AI coding agents"](https://arstechnica.com/information-technology/2026/01/10-things-i-learned-from-burning-myself-out-with-ai-coding-agents/) ("10 Lektionen aus meinem Burnout mittels KI-Coding-Agenten"). Xyrill hat folgende Parallele gefallen: > Wenn Sie jemals einen 3D-Drucker verwendet haben, erinnern Sie sich vielleicht an das wunderbare Gefühl, wenn man zum ersten Mal etwas druckt, dass man nie selber hätte formen oder bauen können. Man lädt eine Modelldatei herunter, eine Filamentspule in die Düse, drückt einen Knopf, und wie von Zauberhand erscheint ein dreidimensionales Objekt. Doch das Ergebnis ist nicht poliert und bereit für die Massenproduktion, und das Erschaffen neuer Formen erfordert mehr als nur einen Knopfdruck. \[...] Heutige KI-Coding-Agenten fühlen sich sehr ähnlich an. Xyrill findet, dass die Parallele Hand und Fuß hat. 3D-Druck ist eine revolutionäre Technologie... und trotzdem wird weiterhin fast jedes Plastikding im Spritzgußverfahren hergestellt. Damit zum eigentlichen Anstoss der Debatte: Armin Ronacher berichtet auf seinem Blog von seinen Erfahrungen mit ["Agenten-Psychose: Drehen wir durch?"](https://lucumr.pocoo.org/2026/1/18/agent-psychosis/) > In \[der Fantasy-Buchreihe] "His Dark Materials" hat jede Person einen Dæmon, einen Begleiter, der eine von außen sichtbare Manifestation ihrer Seele ist. Er lebt an ihrer Seite in Form eines Tieres, aber redet, denkt und handelt unabhängig. > Ich sehe unser Verhältnis mit Agenten, die sich Dinge merken können ("agents that have memory"), zunehmend als ähnlich zu diesen kleinen Kreaturen. Wir werden von ihnen abhängig, und die Trennung von ihnen ist schmerzlich und reißt einen Teil unserer neu erworbenen Identität von uns. Wir verlassen uns darauf, dass diese kleinen Begleiter uns gut zureden und mit uns zusammenarbeiten. Aber es ist keine wahrhaftige Zusammenarbeit wie zwischen Menschen, es ist eine komplett unter unserer Kontrolle, und die KI ist nur im Beifahrersitz. Manches davon trifft auf ähnliche Weise auf alle persönlichen Gegenstände "that have memory" zu, von Tagebüchern bis zu Smartphones, und auch letztere personifizieren wir schon zu sehr. Aber KI-Agenten treiben das ganze auf die Spitze. > Leute entwickeln dieses merkwürdige Verhältnis zu ihrem KI-Agenten, und wenn man sieht, wie sie ihre Maschinen prompten, merkt man, dass das dramatisch verändert, was am Schluss herauskommt. Um gute Ergebnisse zu erhalten, muss man Kontext liefern, man muss Abwägungen treffen, man muss das eigene Wissen benutzen. > \[Probleme gibt es nicht nur, wenn\] man Kontext schlecht einsetzt, sondern es geht um die Art und Weise, wie Leute mit der Maschine interagieren. Manchmal sind es unklare Anweisungen, manchmal merkwürdige Rollenspiele und Slang, manchmal ist es Fluchen und Gewaltandrohung, manchmal sind es merkwürdige Ritualverhalten. > Manche Leute rammen den Agenten geradewegs entlang des engstmöglichen Pfades zu einem unklaren Ziel, mit wenig Interesse an der Qualität der Codebasis. Als greifbares Beispiel für jemanden, der sich in seinem eigenen Jargon verrennt, zitiert Ronacher aus [einem Blogartikel](https://steve-yegge.medium.com/gas-town-emergency-user-manual-cf0e4556d74b) von [Steve Yegge](https://en.wikipedia.org/wiki/Steve_Yegge) zu seinem Coding-Agenten-Orchestrierungssystem "Gas Town": > Man kann Iltisse ("Polecats") ohne die Raffinerie einsetzen, und sogar ohne den Zeugen oder den Dekan. Sag einfach dem Bürgermeister, dass er den Förderturm schließen und den Iltissen Arbeit vorwerfen soll, mit der Nachricht, dass sie direkt in den Hauptentwicklungszweig mergen sollen. Oder die Iltisse können Merge Requests abschicken und der Bürgermeister kann sie manuell genehmigen. Da hat man die freie Wahl. Raffinerien sind sinnvoll, wenn man eine *Menge* Vorausarbeit in die Spezifikation gesteckt hat, und es einen Haufen Perlen ("Beads") gibt, der mit langen Konvois abzuarbeiten ist. Wie [Fefe mal über Java-Spezifikationen sagte](http://blog.fefe.de/?ts=b5546b0c): "Für mich liest sich dieser ganze Artikel wie eine Radio-Sportberichterstattung zu einem Sport, den ich nicht kenne." Ronacher wählt andere Vergleiche: > Wenn man Gas Town (und Beads) von außen betrachtet, sieht es wie ein Mad-Max-Kult aus. \[...] Das ganze Projekt ist wie eine irrwitzige Psychose oder ein wildes Kunstprojekt. Außer dass es echt ist? Oder nicht? \[...] > > Es scheint in gewissen Kreisen eine Art Wettbewerb zu geben, wie man möglichst viele Agenten parallel und mit möglichst wenig Qualitätskontrolle laufen lassen kann. \[...] Beads, im Wesentlichen ein Issue Tracker für Agenten, besteht aus 240000 Zeilen Code, die... ein paar Markdown-Dateien in GitHub-Repositories verwalten. Und die Code-Qualität ist unterirdisch. \[...] Offenbar ist einer der Gründe, warum Gas Town so langsam ist, dass alleine das Prüfen der Version von Beads das Starten von 7 Unterprozessen erfordert. \[...] Beads wächst und wird immer komplexer, und die Leute, die es benutzen, stellen fest, dass es praktisch unmöglich zu deinstallieren ist. Vielleicht wird das Problem gelöst, wenn das Investorengeld endlich alle ist und die Blase platzt. Bis dahin macht das den späten, aber unausweichlichen Realitätscheck umso schmerzhafter: > Aus Sicht eines Maintainers sehen viele Pull Requests heute wie eine Beleidigung des Wertes der eigenen Zeit aus, aber wenn man dies kritisiert, versteht die andere Seite nicht, was sie falsch gemacht hat. > Sie dachten, dass sie helfen und sich beteiligen, und ereifern sich, wenn man die Änderung ablehnt. Das LLVM-Projekt verwendet hierfür [in seinen Regeln](https://web.archive.org/web/20260122151203/llvm.org/docs/AIToolPolicy.html#extractive-contributions) den von [Nadia Eghbal](https://nadia.xyz/) geprägten Begriff "extractive contributions" (extraktive Beiträge): > Unsere goldene Regel ist, dass ein Beitrag für das Projekt mehr wert sein sollte als die Zeit, die es braucht, um ihn zu prüfen. Die Geschichte um Gas Town nimmt dann noch eine unerwartete Wendung: ["Pivot to AI" dokumentiert den Weg](https://pivot-to-ai.com/2026/01/22/steve-yegges-gas-town-vibe-coding-goes-crypto-scam/) von der ersten Veröffentlichung am 1. Januar zum Start der passenden Memecoin am 13. Januar, dem Endorsement von Steve Yegge am 15. Januar, bis zum vollendetem Rugpull am 19. Januar, und resümiert: > Gas Town ist ein Weg, um mehr Geld für Claude auszugeben als je zuvor. Vielleicht kann Anthropic das Finanzierungsmodell von Handyspielen übernehmen, wo man nur ein paar "Wale" abzockt, die einen Haufen Geld und null Selbstkontrolle haben. Gas-Town-Nutzer sind solche Wale. Enthusiastisch und nicht preisempfindlich. Das wirft im Übrigen auch die Frage auf, wie wir uns als Gesellschaft dazu verhalten. Auf Mastodon schreibt [cancel](https://merveilles.town/@cancel/114881961927585201): > Es ist eine Art Glücksspielmanie, die \[Sprachmodelle mit Prompt-Schnittstelle] in ein paar Prozent aller Menschen auslösen. Dessen bin ich mir jetzt sicher. Wenn überhaupt, verursacht dies in mir weniger Zorn und mehr Traurigkeit gegenüber den Leuten mit diesem Zwang zum Prompten der KI. Es fühlt sich mehr so an, wie wenn man jemanden mit Glücksspielsucht am einarmigen Banditen sitzen sieht. Und [jak](https://merveilles.town/@jakintosh/114882096558800027) antwortet: > Als ich vor drei Monaten das Gefühl hatte, dass ich zumindest ein bisschen Zeit mit \[generativer KI] verbringen sollte, um zu wissen, wogegen ich eigentlich bin, hat es _sofort_ Suchtmuster ausgelöst, \[...] so sehr, dass ich innerhalb einer Woche kaum noch schlafen konnte, und nur noch an Prompting gedacht habe, explizit so, als müsste ich es 24 Stunden am Tag tun \[...] > > Es ist wild, als jemand, der sich \[von Anfang an] sehr öffentlich und prominent gegen das Grundprinzip dieser Technologie ausgesprochen hat, dass mich die Suchtspirale trotzdem mit voller Wucht erwischt hat, mit dem allerersten Prompt. Für Leute ohne die Lebenserfahrung, ohne kritische Reflektionsfähigkeiten, ohne einen Katalog hochqualitativer persönlicher Arbeit als Maßstab, kann ich mir nicht vorstellen, wie viele der Glücksspielspirale entkommen können. "Wenn ich nur rausbekomme, wie genau ich den Prompt formulieren muss, wird es all meine Probleme lösen." Ich frage mich, wieviele derer, die der Spirale entkommen, aus Scham darüber nicht öffentlich reden (so wie ich bis jetzt). Xyrill glaubt zunehmend, dass die Regulierung weniger Technik als ganzes betrachten sollte (siehe z.B. das allgemeine Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige in Australien) und mehr spezifische suchtbefördernde UI-Patterns (z.B. Social Media an sich muss nicht schlecht sein, aber Infinite Scroll und algorithmische Timelines gehören auf den Müll). Bis dahin als Schlusswort der letzte Gedanke von jak aus obigem Toot: > Der Silberstreif für mich persönlich ist, dass es eine Art positiven Effekt darauf hatte, wie ich meine eigene Arbeit angehe. Einen Monat lang so viel Slop durchzulesen, hat in mir ein Feuer neu entfacht, in meiner Arbeit umso bewusster und menschlicher zu sein, sowohl durch das geschriebene Wort als auch durch Code.